Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe Bundesverband e. V.

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Von Gebrauch, Missbrauch und Abhängigkeiten in der Bibel

Eine Besinnung von Rainer Breuninger, Geschäftsführer der Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe, Landesverband Württemberg.

Die Bibel nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, beim Namen zu nennen, was in der Geschichte der Menschheit geschehen ist. Dazu gehören auch Berichte über Gebrauch und Missbrauch von Wein und „starken Getränken“. Ein Gang durch die Bibel unter dem Stichwort „Wein“ bringt sehr unterschiedliche Ergebnisse und auch manchen Krimi zu Tage.

Wein und andere Substanzen mit Suchtpotenzial sind an sich weder gut noch böse. Vielmehr sind sie eine Gabe Gottes, die in die Verantwortung des Menschen gegeben wurden. Eine Wertung geschieht erst durch menschliches Verhalten. Werden Alkoholika zur Konservierung und zu Reinigungszwecken oder in der richtigen Dosierung als Arzneimittel eingesetzt, ist ihr Nutzen unbestritten. Wird der Alkohol jedoch benutzt, um seelisches Befinden in einer Art Selbstmedikation zu verbessern oder das Verhalten eines Menschen gezielt zu beeinflussen und zu manipulieren, dann erscheint die Sache in einem völlig anderen Licht. Die entscheidende Frage liegt darin, welche Wirkung der Konsument durch das Trinken des Weins erreichen will beziehungsweise welche Absicht der Geber des alkoholischen Getränks mit seiner Gabe verfolgt. Dazu ein paar biblische Beispiele.

Von Noah wird als dem ersten Weingärtner berichtet (1. Mose 9, 20-27). Kaum wird erwähnt, dass er einen Weinberg pflanzte, wird auch schon von Wirkung und Folgen eines “Zuviel” des Rebensaftes berichtet: „Und da er von dem Wein trank, ward er trunken und lag aufgedeckt im Zelt“. Sein Sohn Ham entdeckt ihn in seiner Blöße und erzählt es seinen Brüdern Sem und Japhet. Diese gehen abgewandten Blickes ins Zelt und bedecken die Scham ihres Vaters. Als Noah von seinem Rausch erwacht und erfährt, was geschehen war, verflucht er die Nachkommen seines Sohnes Ham wegen dessen „Schamlosigkeit“, dass er ihn, den Vater, nackt gesehen hatte. Hier wird zum ersten Mal von der verhaltensverändernden Wirkung des Alkohols berichtet und Noah bringt seine Söhne durch sein „Zuviel“ in ernste moralische Schwierigkeiten.
Abgesehen davon, wie das Verhalten Hams dem Vater gegenüber im Kontext der damaligen Kultur zu beurteilen ist, fällt auf, dass der übermäßige Alkoholkonsum des Vaters schlimme Auswirkungen für Sohn und Enkelkinder hat. Wir haben zwar keinen Grund, Noah in den Zusammenhang einer Suchterkrankung zu bringen, aber eines fällt dennoch auf: Anstatt sich an der eigenen Nase zu fassen, schiebt Noah die Verantwortung auf seine Angehörigen ab –eine Verhaltensweise, die wir heute als ein Symptom der Suchterkrankung verstehen.

Eine andere Geschichte beschreibt Alkohol als Mittel, das Denken und Bewusstsein eines Menschen zu beeinträchtigen, um ihn gezielt manipulieren zu können –eine alte Methode, die auch heute noch ihre Wirkung garantiert.Lot flüchtet mit seiner Familie aus den untergehenden Städten Sodom und Gomorra. Nach einer dramatischen Odyssee finden sich Lots Töchter allein mit ihrem Vater in einer Höhle hausend abseits menschlicher Gesellschaft. Aus Angst, ohne Nachkommen zu bleiben, kommt die Ältere auf die Idee, den Vater mit Hilfe von Wein gefügig zu machen: „Lass uns unserem Vater Wein zu trinken geben und uns zu ihm legen, dass wir uns Nachkommen schaffen von unserem Vater ..... und er wards nicht gewahr, als sie sich zu ihm legte noch als sie aufstand ..... so wurden die beiden Töchter Lots schwanger von ihrem Vater“(1. Mose 19.30-38)

Auf den Verlust der Kontrolle eines Anderen hofft König David, als er dafür sorgt, dass der Soldat Uria betrunken gemacht wird (2. Samuel 11.10-13). Er hofft, dass er nachts die Wachstube der königlichen Garde verlässt, um nach Hause zu seiner Frau Bathseba zu gehen. Auf diese Weise will David seinen Ehebruch mit Bathseba vertuschen, die von ihm schwanger geworden war.
Abgesehen vom gemeinen Tun der Akteure zeigen diese Geschichten: Alkohol in großen Mengen macht willenlos, entzieht die Kontrolle über das eigene Leben.

Und der Missbrauch macht verantwortungslos, wenn Menschen für andere zu sorgen haben. Als Gott dem Aaron die Ordnungen des Priesterstandes und des Gottesdienstes erklärt, sagt er: „Du und deine Söhne, ihr sollt weder Wein noch starke Getränke trinken, wenn ihr in die Stiftshütte geht, damit ihr nicht sterbt. Das sei eine ewige Ordnung für alle eure Nachkommen. Ihr sollt unterscheiden, was heilig und unheilig, was unrein und rein ist und Israel lehren alle Ordnungen, die der Herr ihnen durch Mose verkündet hat“(3. Mose 10.8-11). Gott fordert also von Priestern, Lehrern und anderen Menschen in Leitungsverantwortung eine Lebensführung, die einen klaren Kopf und sicheres Urteilsvermögen gewährleistet und daher keine Beeinträchtigung durch Rauschzustände irgendwelcher Art duldet.
Denn vor Gott stehen sie alle in voller Verantwortung gleichermaßen für ihr Privatleben wie auch für ihren Dienst, da gibt es kein Ausweichen. Dieser Maßstab hat heute noch dieselbe Gültigkeit. Und man kann Verantwortung noch weiter fassen: Auch Familienangehörige, besonders Kinder, leiden, wenn ein Mensch durch übermäßigen Alkoholgenuss seine Verantwortung ihnen gegenüber nicht mehr wahrnehmen kann.

Den Begriff der Sucht gibt es in der Bibel nicht, jedoch ist sie in den Sprüchen Salomons (Kapitel 23, 29-35) längst beschrieben. In bildhafter Sprache wird das Verhalten eines Alkoholabhängigen geschildert, wie wir es heute als Symptomatik der chronischen Krankheitsphasekennen: „Wo ist Weh? Wo ist Leid? Wo ist Zank? Wo ist Klagen? Wo sind Wunden ohne jeden Grund? Wo sind trübe Augen? Wo man lange beim Wein sitzt und kommt auszusaufen, was eingeschenkt ist. Sieh den Wein nicht an, wie er so rot ist und im Glase so schön steht: Er geht glatt ein, aber danach beißt er wie eine Schlange und sticht wie eine Otter. Da werden deine Augen seltsame Dinge sehen, und dein Herz wird Verkehrtes reden, und du wirst sein wie einer,der auf hoher See sich schlafen legt, und wie einer, der oben im Mastkorb liegt. Sie schlugen mich, aber ich fühlte es nicht. Wann werde ich aufwachen? Dann will ich’s wieder so treiben.“ Diese Ausschnitte stehen stellvertretend für weitere biblische Berichte, die ähnliche Zusammenhänge schildern. Sie machen deutlich, wie trügerisch der Alkohol daherkommt –die zerstörerische Wirkung stellt sich postwendend ein. Und trotzdem „will ich’s wieder so treiben“.

Neben den Warnungen wird Wein in der Bibel aber auch als Bild der Freudegebraucht (Psalm 104.15), als Mittel zum Trost in Not und Traurigkeit (Sprüche 31.6) oder als Arznei bei Beschwerden (Lukas 10.34, 1. Tim. 5.23).
Die in der Suchtkrankenhilfe Tätigen hören dies natürlich mit einem sehr kritischen Ohr, wissen sie doch um die Gefährdung, wenn Menschen mittels Wein mehr Lebensfreude gewinnen oder Frustrationen und Beschwerden überwinden wollen. Sie befinden sich auf einem gefährlichen Weg, der allzu leicht in Abhängigkeiten endet, die ihr Leben zerstören.

Abhängigkeiten gehören zum Leben wie das tägliche Brot. Es liegt in unserer Verantwortung zu entscheiden, welchen Abhängigkeiten wir uns „anvertrauen“ und wie wir sie gestalten. In die Abhängigkeit von Bergführer und Kletterseil begebe ich mich gern, wenn ich im Gebirge unterwegs bin. Dabei konzentriere ich mich auf Weg und Anweisungen des Bergführers, bleibe jedoch stets gefordert, aktiv und verantwortlich meine Griffe und Schritte zu setzen. Dieses Bild einer positiven Abhängigkeit kann ich auf vieleBereiche meines Alltags übertragen.

Jesus spricht in seinem Gleichnis vom rechten Weinstock (Johannes 15, 1-8) von einer Folge von Abhängigkeiten, die dazu bestimmt sind, Frucht zu bringen und Leben zu schaffen. Gott der Vater als Weingärtner pflegt den Weinstock. Jesus als der Weinstock lässt sich vom Vater pflegen und auch beschneiden. Der Weinstock treibt die Reben, das sind wir. Wir wiederum leben aus der Kraft Jesu und durch unser Leben wächst die Frucht.

Hier sind wir Menschen in der Abhängigkeit von Jesus beschrieben. Wir können nicht aus uns selbst leben, sind nicht wirklich unabhängig und autonom und müssen uns auch nicht selbst verwirklichen. Unsere Lebenskraft kommt aus der täglich gelebten Beziehung zum Weinstock, zu Jesus. Unsere Frucht müssen wir nicht selbst produzieren und uns dabei mit Versagensängsten quälen, wir müssen nur durchlässig sein für die Kraft, die von Jesus herfließt durch seinen Geist. Dann verwirklicht er sich durch uns in unserem Leben und in dieser Welt. Unsere Verantwortung liegt lediglich darin, uns zu öffnen, unsere Ängste in seine Hand loszulassen und in der Verbindung mit ihm zu bleiben. Dann läuft das Fruchtbringen wie von selbst.

Dieses Bild hilft mir, Gottes Fürsorge und Leiten für mein Leben zu verstehen und im Alltag umzusetzen. Der Vater schafft die Rahmenbedingungen, der Sohn lebt aus dem Vater, ich bin am Sohn angeschlossen und durch ihn fließt die Kraft in mich und aktiviert mich für die Aufgaben, in die Jesus mich gestellt hat in Familie, Beruf, Ehrenamt und Freizeit. Das ist eine andere Abhängigkeit als die von einem Suchtmittel. Die eine trägt das Leben, die andere kann lebenszerstörend sein. Wer sich Drogen zum Herrn macht, ist bald ganz verlassen –von der Gesundheit, von Selbstachtung, der liebenden Zuwendung von Familie und Freunden sowie von echtem Sinn des Lebens.

Unsere Aufgabe in den Selbsthilfegruppen der Freundeskreise ist es, den Menschen in ihrer lebensgefährlichen Abhängigkeit der Sucht zu begegnen und sie zu ermutigen, diesen Weg zu verlassen, sich einem Sinn-vollen Leben zuzuwenden und, soweit sie das können, den Weg in die lebensnotwendige Abhängigkeit von Jesus Christus einzuschlagen.

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